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Obstsorten- Vielfalt und Erhaltung

Über Jahrtausende hat der Mensch aus den in der Natur vorkommenden Pflanzen jene Sorten selektiert, die seinen Nutzungsinteressen am besten entsprachen. Zunächst geschickt genetische Zufälle nutzend, später mittels gezielter Züchtung. Obwohl es vor allem eine Selektion in Richtung größer, wohlschmeckender und ertragreicher war, ist dabei eine unglaubliche Fülle an Sorten entstanden. Den Höhepunkt erreichte die Vielfalt vor etwa 150 Jahren, seither ist die Entwicklung gegenläufig.

Pomologie

Die Pomologie ist die Lehre von den Obstsorten und umfasst deren Bestimmung, Beschreibung, Empfehlung und Erhaltung. Pomona war die römische Göttin des Obstsegens (lat. „pomum“: Baumfrucht, Obst). Das römische Erntedankfest trug den Namen der Göttin und wurde im Herbst gefeiert. Die Römer führten das Fest in Irland und Großbritannien ein, wo es mit dem keltischen Fest Samhain gefeiert und später zu Halloween wurde. Schon in der Antike wurden Obstsorten beschrieben: Cato d. Ä. erwähnt verschiedene Apfel- und Birnensorten, Plinius d. Ä. führt in seiner „Naturgeschichte“ 25 Apfel-, 36 Birnen- und 8 Kirschsorten an. Echte pomologische Beschreibungen finden sich erst im 17. Jhdt., und vor allem ab dem 18. Jhdt. Als Begründer der Pomologie wird der Niederländer J. H. Knoop genannt, der 1758 ein Werk über „Arten und Sorten der Früchte“ herausgegeben hat, in welchem er sie beschrieb und in natürlichen Größe und Farben abbildete, und dem Werk den Titel „Pomologie“ gab. Im 19. Jhdt. entstanden mit zunehmendem Interesse an der Züchtung neuer Sorten, umfangreiche Pomologien. Diese waren meist aufwändig gestaltet und kunstvoll bebildert. Die Pomologen beschrieben Obstsorten, widmeten sich der Systematik, Namensgebung, Sortenauswahl und -verbesserung und züchteten selbst Sorten.

Alte- Neue Sorten

Der Begriff ”Alte Obstsorten” wird häufig verwendet um die traditionellen Sorten des Streuobstbaus anzusprechen. In der Regel handelt es sich dabei um Sorten die vor 1930 entstanden sind. Das tatsächliche Alter von Sorten lässt sich oft nicht wirklich angeben. Die systematische Sortenbeschreibung setzt ja erst im 18. Jhdt. ein, bis Ende des 19. Jhdt. wurden viele Sorten erstmals beschrieben. Oft wurden gleiche Sorten verschiedener Herkunft mit unterschiedlichen Namen beschrieben, oder es wurden unter ähnlichen Namen unterschiedliche Sorten beschrieben. Trotzdem sind bis heute die Arbeiten des 19. und frühen 20. Jhdt., die wichtigsten Quellen für die Sortenbestimmung. Die ältesten Sorten die sich erhalten haben, sind bis zu 500 Jahre alt - d.h. die Geschichte einiger Sorte lässt sich halbwegs gesichert so weit zurückverfolgen. Beispiele sind die Apfelsorten Wintergoldparmäne, die in Frankreich schon um 1500 bekannt war, oder London Pepping, die bis ins England des 16. Jhdt. zu verfolgen ist.

Sortenvielfalt- Entstehung und Wert

Zufallssämlinge werden Hofsorten

Als Sämling bezeichnet man Obstbäume, die durch generative Vermehrung entstanden sind, d.h. aus einem Kern gezogen wurden. Jeder Sämling ist eigentlich eine eigene Sorte, die eine Kombination der genetischen Merkmale der Elternsorten in sich birgt. Im bäuerlichen Obstbau wurden früher aus Kernen gezogene Sämlinge als Veredelungsunterlagen verwendet. Diese Zufallssämlinge wurden aber oft auch ohne Veredelung großgezogen und deren Früchte für die Verarbeitung verwendet - so entstanden Hofsorten. Mit dem Absterben des Baumes verschwanden diese Sorten wieder, wenn sie nicht vegetativ (d.h. durch Veredelung) weiter vermehrt wurden.

Hofsort werden Regionalsorten

Auf Grund positiver Nutzungseigenschaften wurden die Hofsorten manchmal auch in der Nachbarschaft durch Veredelung weiter verbreitet - damit wurden sie zu Lokalsorten. Mit zunehmender Ausdehnung des Obstbaus und der damit verbundenen verstärkten Nachfrage nach Pflanzmaterial, wurde von bäuerlichen Baumschulen eine systematische Obstbaumaufzucht betrieben. Bewährte Lokalsorten erlangten dadurch größere Verbreitung und wurden zu Regionalsorten.

Regionalsorten werden Edelobst

Zu einem europaweiten Austausch von Sorten kam es vor allem ab dem 18. Jhdt. Regional bewährte Sorten wurden von den Pomologen beschrieben und für den Anbau in größerem Ausmaß empfohlen. Schon im 19. Jhdt. versuchte man durch Sortenempfehlungen die Auspflanzung ”wertvoller Sorten” zu fördern und die Sorten ”minderer Qualität” zurück zu drängen. Jener Teil des Altsortiments das über weite Teile Europas heute zu finden ist, geht auf diese Bestrebungen zurück. Im 20. Jhdt. setzten sich diese Bestrebungen massiv fort und führten im Streuobstbau bereits ab den 1950er Jahren zu einer deutlichen Einschränkung des Sortenspektrums. Den Gipfel erreichte diese Entwicklung aber erst mit der Etablierung des Plantagenobstbaues.

Vielfalt- Qualität und Wert

Die Qualität einer Sorte kann sehr unterschiedliche Aspekte haben: Aroma, Aussehen, Reifezeit, Lagerfähigkeit, Inhaltsstoffe, Robustheit, Anspruchslosigkeit und noch vieles mehr. Nur wenn eine Vielfalt an Sorten erhalten wird, ist es möglich daraus individuell jene Sorten auszuwählen, die die eigenen Ansprüche optimal erfüllen. Das Geheimnis der Robustheit der alten Sorten liegt zum Teil darin, dass aus der Fülle an Sorten für jeden Standort die optimale Sorte gewählt werden kann. Die Erhaltung der Sortenvielfalt sichert aber auch das genetische Potential für die künftige Sortenzüchtung.

Intensivobstbau- Einschränkung des Sortiments

Im modernen Intensivobstbau dominieren heute eine Hand voll Sorten, die zudem auf einige wenige Elternsorten zurückgehen, also eng miteinander verwandt sind. In der europäischen Tafelobstproduktion bringen heute drei Sorten ca. 70 % der gesamten Erntemenge. Neben der kulturformbedingten geringeren Robustheit (schwach-wüchsige Bäume mit gering entwickeltem Wurzelsystem), führt auch die Reduktion der genetischen Vielfalt zu einer höheren Anfälligkeit der Bäume im Intensivobstbau. Ein hoher Aufwand an Pflanzenschutz, Düngung und künstlicher Bewässerung ist eine Folge.

Streuobstbau und Sortenvielfalt

Die heute noch vorhandene Vielfalt bei den Obstsorten ist eng mit dem Streuobstbau verbunden. Nur bei dieser traditionellen Kulturform ist die Sortenvielfalt erhalten geblieben. Die Alten Sorten sind akut gefährdet: Einerseits auf Grund der Überalterung der Baumbestände und der Nutzungsaufgabe im Streuobstbau, aber auch auf Grund von Krankheiten wie Feuerbrand und Birnenverfall. Die für Neupflanzungen im Handel erhältlichen Obstbäume werden oft europaweit vertrieben. Eine eigene Aufzucht betreiben regionale Baumschulen nur mehr vereinzelt. Auf Grund all dieser Entwicklungen droht ein Verlust an genetischer Vielfalt und regionaler Identität.

Sortenerhaltung- eine regionale Verantwortung

Die moderne Landwirtschaft und der Handel im großen Stil, führen zu einer zunehmenden Uniformität. Aus der regionalen Vielfalt wird ein globaler Einheitsbrei. Damit rücken alte Sorten und Kulturpflanzen auch zunehmend in das Interesse des Naturschutzes. Die Erhaltung von Kulturpflanzen ist eine regionale Verantwortung und braucht regionale Erhaltungsstrategien. Viele Sorten weisen nur regionale Verbreitung auf, ihr Wert ergibt sich oft im Zusammenhang mit der traditionellen Nutzung. Dies gilt auch für das Burgenland und seine ursprüngliche Obstsortenvielfalt.

Seltene, unbekannte Sorten

Oft findet man in einer Gemeinde nur Einzelbäume, welche nur einer einzigen Sorte zugeordnet werden können. Diese Einzelexemplare sind der Grund für die große Sortenvielfalt. Damit zeigt sich aber auch, wie leicht die vorhandene Sortenvielfalt verloren gehen kann. Oft verschwindet durch das Umschneiden eines alten Streuobstbaumes eine Sorte für die gesamte Region. Das Burgenland verfügt über eine hohe Anzahl an Sorten die nicht in der Literatur beschrieben sind. Diese Sorten wurden unter Lokalnamen oder Arbeitsnamen inventarisiert. Die Erhaltung dieser Sorten, die zum Teil österreichweit einzigartig sind, ist besonders wichtig.

Österreich- Sortenerhaltung und Pomologie

Nachdem die Sortenkunde über 30 Jahre fast völlig brach lag, gibt es mittlerweile eine etwas größere aktive Gruppe von PomologInnen in Österreich Die meisten von ihnen arbeiten mit gebietsmäßigen Schwerpunkten in verschiedenen regionalen Sortenprojekten. Heute umfasst die Tätigkeit der PomologInnen die Sammlung und Erhaltung bedrohter Sorten, die Neubeschreibung alter Sorten und die Beschreibung bisher nicht beschriebener Sorten und deren Eigenschaften mit heutigen Standards. Zunehmend werden in der Sortenerforschung auch molekularbiologische und genetische Analysen angewendet um z.B. die Verwandtschaftsverhältnisse zwischen den Sorten abzuklären. Weiters werden Laboruntersuchungen zur Inhaltsstoffanalyse durchgeführt. Am wichtigsten für die Sortenbeschreibung sind aber nach wie vor die klassischen Methoden, bei denen mit den menschlichen Sinnen erfassbare Fruchtmerkmale detailliert beschrieben werden. Moderne Methoden können in keiner Weise die PomologInnen ersetzen, die über eine Erfahrung verfügen die nur in jahrelanger Arbeit mit den Obstsorten erlernt werden kann und einen ausgeprägten Geschmacks- und Geruchssinn und ein fast fotografisches Gedächtnis erfordert.

ARGE Streuobst

Seit dem Jahr 2000 gibt es eine österreichweite Kooperation der österreichischen PomologInnen im Rahmen der ARGE Streuobst, der Plattform der österreichischen Streuobstinitiativen. Dies dient der fachlich-inhaltlichen Abstimmung bei der Sortenbestimmung und Beschreibung, der Etablierung von Qualitätsstandards sowie der nationalen Koordination der Erhaltungsarbeit.

Nähere Informationen finden sie unter: http://www.argestreuobst.at

obstsortenvielfalt_und_erhaltung.txt · Zuletzt geändert: 2013/03/08 07:37 von verena

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http://ec.europa.eu/agriculture/rurdev/index_de.htm